Gnade sei mit Euch und Friede, von dem,  der da ist und der da war und der da kommt.


Liebe Gemeinde!


Gleich am Anfang des Johannes-Evangeliums geht Jesus zum Passah  nach Jerusalem hinauf. Dort, im Tempel, ergreift ihn der Zorn.  Er nimmt sich eine Geißel,  stößt die Tische der Geldwechsler und der Händler um. Nach den synoptischen Evangelien ruft er  in die entsetzte Menge hinein: „Mein Haus soll ein Bethaus sein“  spricht der Herr: Ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht!“
 Tausende Menschen befinden sich zu dieser Zeit auf dem Vorplatz des Allerheiligsten und dennoch kann diese Szene nicht unbemerkt  bleiben!         Die Tauben,  die Lämmer und  die Zicklein,  die hier für die Opferhandlung verkauft werden, irren  umher.  Die Händler kriechen auf dem Boden herum und suchen ihre Münzen zusammen. Die einen rufen noch nach den Tempelordnern, die Anderen suchen längst nach ihrem eigenen Vorteil und stecken sich das Geld in die eigene Tasche. So etwas hat es noch nicht gegeben!
Selbst für die,  die es nicht mit den eigenen Augen gesehen haben,  wird es zu einem Stadtgespräch: Dieser Wunderheiler und Prediger aus dem fernen Nazareth  hat gegen die uralten, gewachsenen und heiligen Traditionen des Tempels verstoßen!  Der Mann muss von Sinnen sein! Wer sich so wenig unter Kontrolle hat,  der kann doch nicht ernst genommen werden!
Die Gebildeten,  die Nachdenklichen und  die, die Jesu Botschaft kennen,  werden es verstanden haben:  Jesus predigt vom Reich Gottes,  von der unmittelbaren Nähe des Geistes Gottes in den Herzen und in der Gemeinschaft der Betenden!   Wer zwischen diese Beziehung von Gott und Mensch  das Geld stellt,  der stellt sich Gottes guten Willen in den Weg. Wer die Religion zum Geschäft und zum Handel macht,  der muss Gottes Zorn herausfordern. So wie es Jesus vermutlich sehr bewusst vor die Augen geführt hat.


II.
Die sogenannte „Todsünde Zorn“,  mit der wir uns heute beschäftigen, liebe Gemeinde, ist diejenige Wurzel-Versuchung,  bei der man sich am meisten fragen muss, ob es richtig  ist,  sie so „schlecht“  zu machen. Denn Zorn hat ja durchaus auch gute Seiten -  wie wir gerade gesehen haben!
Wut oder Ärger richten sich in der Regel gegen Fehler oder gegen ein Versagen: Ich kann auf mich selber wütend sein,  weil ich mal wieder verschlafen oder den Bus verpasst habe.  Es kann mich ärgern,  dass mir mal wieder keiner Bescheid gesagt hat,  so dass ich etwas Schönes verpasst habe. Meist reagieren  wir auf so etwas sehr impulsiv und spontan. Wir schimpfen oder wir treten gegen irgendeinen Gegenstand. Aber wir wissen doch, dass dahinter keine böse Absicht gestanden hat: Dinge geschehen eben! „Shit happens“  sagt der  Engländer.    Was soll's ?!
Zorn dagegen hat immer so etwas wie eine „Vorgeschichte“,  von der unsere Sprache auch zu erzählen weiß:  Wer zornig ist,  bei dem kocht langsam der Topf  über.  Der Zornige gerät immer mehr in Rage. Zorn entbrennt in einem Menschen so,  dass er irgendwann einfach nicht mehr  an sich halten kann           - so wie Jesus im Tempel.
Der Zorn hat nämlich immer ein persönliches Gegenüber: Einen  Menschen oder eine Gruppe von Menschen,  die dieses Gefühl so lange in mir provoziert haben,   bis ich es einfach nicht mehr aushalten kann und  meinen „ gerechten Zorn“  herausbrüllen muss.  Denn „Zorn“  hat sehr viel mit  Recht und mit Gerechtigkeit zu tun:   Da,  wo ich über einen langen Zeitraum frustriert und enttäuscht worden bin;  Da,  wo einer das Gefühl hat,  dass es mit den Kränkungen jetzt endlich reicht;  Da, wohl einer fortlaufend erleben muss,  dass sein Selbstwertgefühl gekränkt wird;   Da, wo bei einer Gruppe von Menschen andauernd die Hoffnungen zerstört werden :  da kocht der Kessel über, da entbrennt der Zorn!
Zorn ist also eine Reaktion auf eine andauernde Entwertung,  auf  Frustrationen oder Enttäuschungen. Wo fortlaufend  Pläne und Hoffnungen durchkreuzt  werden,  da entbrennt  -   wie wir dann sagen -  ein „ Heiliger Zorn“ !

III.
Liebe Gemeinde!
Solche Entwertungsprozesse und Frustrationserlebnisse sind uns durchaus nicht fremd. Wir sind eigentlich geradezu von ihnen umgeben! Nur  einige vertraute Beispiele will ich aufzählen!
Ohnmächtiger  Zorn stand ihr im Gesicht, als die Sprecherin der amerikanischen Demokraten  hinter dem Rücken von Donald Trump im Senat öffentlich sein Redekonzept zerriss:  Sowohl in der Russland-Affäre,  als auch im Impeachment-Verfahren gilt der Präsident der Vereinigten Staaten als überführt. Aber er wird dennoch mit juristischen Tricks  freigesprochen.  Nancy Pelosi und viele Demokraten kochen vor Zorn.
Zorn steigt in uns hoch,  wenn wir sehen, wie Menschen,  die in der richtigen Position  sitzen, die Schrauben immer so drehen,  dass  die Besitzenden noch reicher werden,  während selbst Menschen aus der Mittelschicht kaum noch ihre Mieten und ihre Stromrechnungen bezahlen können.  Da hilft es dem einzelnen Betroffenen vor Ort wenig,  wenn in Talk Shows oberschlau  versichert wird,  so gut wie heute sei es Deutschland noch niemals gegangen: „Nationalstolz“ bezahlt meine Stromrechnungen nicht.
Da muss einer am Arbeitsplatz erleben,  dass er nie krank war, ständig Überstunden gemacht hat und sein Bestes gegeben hat.
Aber eine Clique von guten Kumpels und „besten Freunden“,  die immer ihr Bierchen zusammen trinken, die schieben sich die guten Jobs,  die Filetstücke und die Zukunft einander  zu. Wer sich dagegen öffentlich wehrt und das offen ausspricht,  der wird sogar noch „gemobbt“!
Schon in der Schule lernen Schüler,  dass  sich Redlichkeit,  Wahrhaftigkeit und Fleiß  im Leben nicht lohnen!  Weil dort immer der im Mittelpunkt steht,  der die coolsten Sprüche klopft  und die richtigen Klamotten am Körper trägt. Wer da nicht mithalten kann,  der steht am sozialen Zuschauerrand . Im schlimmsten Falle fliegt er oder sie  sogar noch aus dem System:  Zum  Beispiel,  man  aus der WhatsApp-Gruppe  der Klasse ausgeschlossen bleibt.
Liebe Gemeinde: Wir sind umgeben von Zorn! Von Frustrationen,  von Entwertungen,   von ungerechter Zerstörung unserer Hoffnungen und unserer Träume,   weil Andere sich in den Weg stellen und ihren Vorteil durchboxen.
Jeder von uns kennt so einen „heiligen Zorn“.

IV.
Wie,  liebe Gemeinde,  gehen wir mit unseren Zorn normalerweise um?
Kindern und Frauen  wird der Zorn von früh auf regelrecht abdressiert!                                                     Bei Männern geht er manchmal als Ausdruck für „coole Männlichkeit“ durch. Allerdings nur, wenn er nicht zu häufig und zu cholerisch gezeigt wird!
Denn Zorn macht hässlich! Das  Gesicht verfinstert sich. Die Augenbrauen verdüstern die Augen. Der Mund und die Lippen werden schmal. Und die Stimme wird deutlich lauter.  Ein zorniges Gesicht erkennt man aus 100 Meter Entfernung!
Unsere  gesellschaftlichen Ideale gehen in die andere Richtung:  Der Mensch soll ausgeglichen,  ruhig und sachlich  rüberkommen!  „Emotionslosigkeit“  gilt als Ideal des englischen Gentleman und des Managers. „Aus  sich herauszugehen“  gilt dagegen als hemmungs-  und  niveaulos:  Zornig ist immer nur die Unterschicht,  also der Pöbel!
Dabei wissen wir doch alle, dass unterdrückte Wut  in der Seele eines Menschen weiter wächst!  Je nach Charakter wird die unterdrückte Wut in uns selbst zur Angst,  zu einem Minderwertigkeitsgefühl oder zu einer Depression.  Wut,  die nicht heraus darf,  ungestillter Zorn sucht sich in unserem Seelenleben seinen Schlafplatz.  Dann bist du nach außen zwar nicht zornig auf die Anderen. Aber dann zerstört dein Zorn dich selbst.
Dagegen erscheint die Methode,  die Jesus bei der Tempelreinigung anwendet  doch effektiver zu sein!  Das „Dampfablassen“ befreit von negativen, bohrenden Gefühlen. Der Zorn kommt dort an,  wo er auch hingehört. Meine Wahrheit ist auf dem Tisch,  so dass jeder sich mit ihr auseinandersetzen kann.  Ein Zornausbruch schafft doch immer  Klarheit und macht die Positionen der Gegner offen und transparent. So könnte man doch sagen!
Die Erfahrung zeigt allerdings,  dass der erhoffte Effekt gar nicht eintritt, dass er vielmehr ausbleibt. Auch im Falle Jesu geschieht langfristig das, was beim „Dampfablassen“  leider oft geschieht: Die Positionen sind zwar auf dem Tisch. aber sie verhärten sich dabei! Es kommt zu einer Spirale,  aus der immer einer der Kontrahenten  als Verlierer hervorgeht
Es gibt viele theologische Forscher,  die vermuten,  dass der eigentliche Grund für Jesu Kreuzigung war,  dass er das religiöse Wirtschaftssystem der Priesterkaste angegriffen hat. Darum stellt Johannes die Geschichte an den  Anfang seines Evangeliums!  Krimi-Leser würden wohl sagen:
„Folge der Spur des Geldes!“

V.
„Zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit. Seid ihr zornig,  so sündigt nicht! Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen“:  So schreibt Paulus im 4. Kapitel des Epheserbriefes.  Und mit diesem Ratschlag liegt der Apostel  erstaunlich nah  an dem,  was Ihnen auch ein Psychologe oder eine Psychotherapeutin sagen würde!
Mit allen anderen sechs Wurzelversuchungen gemeinsam hat der „Zorn“,  dass er für das Herz des Menschen zu einem Gefängnis wird!  Ich kann meine Emotionen brav herunterschlucken und in mir eine bittere, Galligkeit ansammeln,  die mich innerlich vergiftet;   Oder ich kann ein zorniges Leben führen, das mich nach außen zu einem unberechenbaren  Wüstling macht: Beides wird mich unglücklich machen!  Beides nimmt mich gefangen.  Beides führt nicht zum Ziel!  
Denn der Zorn will ja eigentlich die Veränderung eines ungerechten und entwürdigenden Verhältnisses erreichen.  Inneren Abstand gewinnen,  sich abkühlen und dann nachdenken:  Dazu raten die therapeutischen Schule alle. Sie raten dazu,  zu meditieren und sich mit  Achtsamkeit auf die eigene Mitte zu konzentrieren.  Viel hilft es,  wenn ich mir dann in Ruhe Gedanken über die Motive und über die Gründe mache,  die meinen Gegner wohl antreiben.  Die Alternative zur Zerstörung könnte ja auch die Vergebung sein!   (…)
Und damit kommen wir am Ende wieder bei dem an, mit dem wir begonnen haben: Bei Jesus! Er hat ja  genau in so einer selbst- therapeutischen Perspektive geraten: „Liebt eure Feinde und bittet für die die Euch verfolgen!“
 Wer seinen Zorn und seinen Gegner mit ins Gebet nimmt,  der kommt ganz innerlich mit ihm und mit Gott ins Gespräch; Der kaut an den inneren Motiven des Anderen; Der bringt seine Sache und seinen Zorn vor Gott: Der vertraut sich also Gott an und hofft darauf,  dass Gott Wege und Lösungen finden wird. Mit all dem sind wir auch bei unserer inneren Freiheit und unserer Gesundheit gut beraten.
Erst aus so einer Gebet und so einer Haltung heraus gilt dann aber auch das Andere,  was Jesus im Tempel von Jerusalem gesagt und getan hat: Misstände können und müssen ausgesprochen werden: Wahrheit muss Wahrheit – Recht   muss Recht bleiben.
Denn unter den Teppich kehren wollte auch Jesus nichts:  Das genau zeigt uns ja die Tempelreinigung!   
Amen


Und der Friede Gottes,  der höher ist als alle Vernunft,  der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus . Amen.