Predigt zum Thema Neid

(Predigtreihe „7“: Neid als die 3.Wurzelsünde)

Vorausgegangen: Lesungen aus 1.Mose 4 (Kain und Abel) und Gal 5 (Untugenden-Katalog)


Gnade sei mit euch und Friede, von dem der da ist, und der da war, und der da kommt.

Liebe Gemeinde

Haben Sie sich schon mal überlegt, was auf Ihrem Grabstein stehen könnte? Welches Zitat oder welches „Wort“ sollte dort von Ihnen berichten? Ich kenne Sie so gut, dass ich weiß, dass Sie alle Realisten sind: Da sollte nichts Übertriebenes oder Großartiges stehen! Es sollte Sie nicht überbewerten. Es sollte deutlich machen, was Ihnen, was dir im Leben wichtig war.

Von meiner Mutter weiß ich, dass sie ein Gedicht von Hilde Domin sehr liebt. Die Dichterin betont darin, dass Sie am Ende des Lebens gerne von sich sagen könnte, dass sie für andere ein kleines, aber ein helles Licht gewesen ist. Das ist bescheiden, gut und schön! So etwas würde wohl jeder gerne von sich auf dem Grabstein stehen haben. Es ist uns wichtig, dass wir Anderen etwas bedeutet haben. Keiner will nur ein blinder Fleck auf der Landkarte des Lebens gewesen sein. Davor haben wir ja sogar Angst! Was wäre das für ein Leben, bei dem nichts als Ärger, Enttäuschung und Versagen übrig geblieben wäre?

Eine schreckliche, ja eine Horror-Vorstellung: Wir wollen doch gerne ein gutes Leben geführt haben!

(II)

Und doch gibt es Dinge, Situationen oder Menschen, die uns dabei immer wieder in die Quere kommen. Weihnachten ist in dieser Beziehung eine gefährliche Zeit!

Ich erinnere mich noch gut an die Bescherung am Heiligen Abend im Kreis unserer Familie. Wir vier Kinder bekamen der Reihe nach je ein Geschenk, bis alle Geschenke verteilt waren. An sich eine wunderbare Sache! Alle hatten Grund zur Freude! Wenn da nicht immer der vergleichende Blick nach rechts oder links gewesen wäre: Bei wem hatten die Eltern mehr Geld oder Liebe investiert? Eine meiner Schwestern war sehr gut darin, uns allen mit solchen Vergleichen den Abend zu „vermiesen“. Sie hatte einfach Angst, zu kurz zu kommen. Sie fragte sich, ob sie weniger wert war. Die Geschenke waren dabei ein Indikator für Liebe und Wertschätzung. In ihr bohrte der Neid.

In der Schule wiederholt sich das Thema beim neidischen Vergleich der Schulnoten: Bei der Zeugnis-Ausgabe vergleicht man auf dem Schulhof den Noten-Durchschnitt miteinander. So mancher beschwert sich beim Lehrer darüber, nicht richtig wahrgenommen worden zu sein! Der Verdacht einer persönlichen Geringschätzung durch den Lehrer steht unausgesprochen im Raum: „ Der kann mich halt nicht leiden!“

Welche Frau kennt nicht den neidischen Blick zu einer anderen Frau, die irgendwie „anziehen kann was sie will, weil sie selbst in einem Sack noch gut aussieht!“ Man selbst kämpft dagegen mit den Schwachstellen seines Körper und versucht sie notdürftig abzudecken: Wie ungerecht ist doch das Leben!

Unter Männern gibt es so etwas beim Vergleich der Automarken, sportlicher Leistungen oder in der Beziehung zum Chef am Arbeitsplatz: „ Der kann mit dem Kollegen nämlich einfach besser als mit mir!“

In der Kunstgeschichte, liebe Gemeinde, wurde Neid gern als quakende Kröte oder als züngelnde Schlange dargestellt: Kein Wunder, wo doch schon in der Schöpfungsgeschichte der Bibel die Schlange Zwietracht zwischen Gott und den Menschen säht. Oft verrät sich der Neider durch seinen Blick: So hat ihn Hieronymus Bosch auf dem Bild an der Leinwand hinter mir dargestellt.



(III)

Auch in der zentralen Neid-Geschichte der Bibel steht der neidische Blick im Mittelpunkt. Wir haben sie vorhin schon gehört (Gen 4): Als Gott das Opfer Abels wohlgefällig anschaut, da senkt sein Bruder Kain den Blick. Grimmig schaut er ab jetzt zu Boden. Er sieht nur noch seine Komplexe, an denen er leidet. Fortan mag er Gott und seinen Bruder nicht mehr anschauen. Er verschließt sich in sich selbst. Genau an dieser Abspaltung erkennt Gott das Problem: Der Neid verschließt Kain für die Liebe. Er verändert seine Wahrnehmung. Fortan betrachtet er Gott und den Menschenbruder mit Angst und Misstrauen: Die sind gegen mich! Die wollen gar nicht mein Glück. Die wollen mich abhängen. Kain sieht sich als Opfer eines ungerechten Lebens und einer ungerechten Welt.

Aber genau so wird er nun zum Täter: Er erschlägt seinen Bruder. Er

vertauscht die Rollen. Er will dieses Gefühl von Minderwertigkeit einfach irgendwie loswerden! Aber leider wird er so auch Gott los und einsam!



(IV)

Kain und Abel sind kein Einzelfall, liebe Gemeinde!

Kain und Abel sind nur der Extremfall für etwas, was sich weltweit und tagtäglich wiederholt: Beim Vergleich der Weihnachtsgeschenke; Beim Vergleich der Schulnoten; Beim Vergleich von Image und Sex-Apppeal; Bei der Frage, welchen Stellenwert ich in der Vergleichstabelle der Gesellschaft habe: Sozialneid und Missgunst sind weit verbreitet! Nur selten kommt es - wie bei Kain und Abel - zum Äußersten, also zum Mord. Aber ist es nicht auch ein Versuch den anderen loszuwerden, ja ihn sozial zu „töten“, wenn ich ihn ignoriere, nicht mehr mit ihm spreche, grüße oder ihn schneide?

Auch dann schließe ich mich von Gott und meinem Mitmenschen ab. Oder ich schließe den Anderen aus dieser Gemeinschaft aus. Auch Blicke, das Schweigen oder ein Liebesentzug können töten! „ Gott über alles zu lieben und seinen Nächsten wie sich selbst“ :

Dieses zentrale Gebot Jesu zu leben, ist dem Neider nicht mehr möglich! Im Neid gefangen lebt er wie Kain fern von Gott. jenseits von Eden, im Lande „Not“!



(V)

„Du sollst nicht begehren deines nächsten Haus, Weib, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles was dein Nächster hat“: So heißt es im zehnten Gebot des Dekalogs. Und wie jedes der zehn Gebote will auch dieses Gebot unsere Freiheit absichern.

Denn es ist doch der Blick in Nachbars Garten, der uns fesselt und quält. Erst der Vergleich macht uns zu Sklaven des Neides. Erst wenn unser Blick auf dem haftet, was der der oder die andere hat, wird er finster und grimmig.

Nicht, was der andere hat schmerzt uns! Sondern der Vergleich und das Urteil das darin steckt: dass wir nun „weniger“ haben oder „weniger“ Wert sind tut so weh. Wer neidisch ist, hat ein ernstes Problem mit seinem Selbstwertgefühl!

Wo wir uns an dem erfreuen, was wir selber haben; Wo wir dankbar sind für das, was wir uns erarbeitet haben; Wo wir uns darüber freuen, wie gut es uns doch geht: Erst da können wir Gott danken und an unserem Leben in der Gemeinschaft freuen. Der Weg aus dem Neid führt also über die Konzentration auf das eigene Leben. Der Weg aus dem Neid führt über die Dankbarkeit, die erkennt, dass alles, was wir haben ohnehin Geschenk Gottes ist. Der Weg aus dem Neid führt über das Vertrauen, dass Gottes es auch mit mir gut meint! Der Weg aus dem Neid führt über das „Gönnen“: Dass wir dem anderen Menschen sein Lebensglück gönnen und es mit ihm gut meinen.

Das 10. Gebot will uns frei machen von der Vergleichswelt und von der Versklavung an den Vergleich und das Misstrauen.



(VI)

Man kann so etwas üben, liebe Gemeinde!

Ganz praktisch man kann Gott im Gebet auch für das Glück des Nachbarn danken und ihm so alles Gute vor Gott wünschen. Man kann auf den anderen Menschen zugehen, ihm ehrlich gratulieren und so eine Beziehung zu ihm aufbauen. Neid verfliegt nämlich da, wo wir Menschen unsere Beziehungen ernsthaft, aufrecht und echt leben.

Man kann sich in Demut üben: Damit ist der Geist einer gesunden Bescheidenheit gemeint, die nicht mehr erwartet, als man braucht!

Was hilft ist der Geist der Dankbarkeit, die noch weiß, dass „ alle gute Gabe und alles was wir haben kommt von Gott, dem Herrn“ - und nicht aus uns!



Was, liebe Gemeinde, „ könnte auf meinem Grabstein stehen?“ - habe ich eingangs gefragt: Wer will schon, dass dort steht: „Er war ein griesgrämiger eigenbrötlerischer Neidhammel, mit dem Niemand zu Recht kam!“

Auch ich würde gerne als ein Licht in Erinnerung bleiben, dass für die Liebe zu Gott, zu meinem Nächsten und zu mir selbst geleuchtet hat!

Nicht weniger - aber auch nicht mehr !

Amen


Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen