Predigt „Habsucht und Geiz“ - Themapredigt Nr. 2 in der Predigtreihe „7“

Thorsten Chr Hansen// Gehalten am 10.11.2019 in der Christuskirche in Wetter-Grundschöttel

Vorausgesetzte Lesungstexte dazu: 1.Tim 6,6-10 / Mt 6, 19-27


Gnade sei mit euch und Friede, von dem der da ist, und der da war, und der da kommt.

Liebe Gemeinde!

Von den sieben Wurzelsünden, die die Tradition nennt, steht der Geiz immer an der ersten Stelle! Hinter mir sehen Sie auch heute wieder die Momentaufnahme zum Thema Geiz aus dem Zyklus von Hieronymus Bosch!

In der christlichen Tradition hat diese prominente Platzierung seinen guten Grund in einer biblischen Belegstelle, die wir heute schon gehört haben: „Geldgier ist eine Wurzel allen Übels“! - schreibt der 1. Timotheus-Brief. Auf lange Sicht wurde daraus die Feststellung, dass der Geiz die Wurzel allen Übels sei. Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass alle anderen Traditionen in Religion und Philosophie den Geiz ebenfalls für ein Wurzelübel und eine Hauptgefährdung für unser Leben halten. Geiz ist ja das genaue Gegenteil von Freigebigkeit und darum ist der Geiz immer eine Bedrohung für das Zusammenleben und die Liebe unter den Menschen. Wo „Geiz geil ist“, da ist das Ende der Liebe und damit der Anfang vom Ende erreicht.

Geizhälse und Knickerbocker sind uns allen gut bekannt. Hier in der Kirche muss man zuallererst an den reichen Mann denken, der den armen Lazarus vor den Toren seines Palastes elend in seinen Krankheiten verrecken lässt.

Charles Dickens hat dieses Gleichnis später aufgegriffen, als er in seiner „Weihnachtsgeschichte“ von Ebeneezer Scrooge erzählt: Einem ausgemachten Geizkragen, der genau so kalt und hartherzig jedes Leid links liegen lassen kann. Darum warnt ihn im Traum ein ehemaliger „ Kollege im Geiz“ vor den Strafen der Hölle. Ebenezer Scrooge sieht in diesem Traum voller Entsetzen einen Grabstein, auf dem er schon seinen eigenen Namen lesen kann! Am nächsten Morgen ist er wie ausgewechselt: In dem über Nacht Bekehrten hat sich eine Wandlung vollzogen. Er ist frei für die Freigebigkeit und lebt sie ab jetzt auch freigiebig aus!

Aber seien wir ehrlich, liebe Gemeinde: Erleben wir Menschen von heute solche Art Geizhälse denn überhaupt noch? Kennen Sie noch einen Menschen auf dessen dicken Geldbeutel Sie zeigen könnten? Der Wechsel vom Geldbeutel zur Geldkarte hat viel verändert! Reichtum und Wohlstand erkennt man nicht mehr auf den 1. Blick. Das große Geld hat Wege gefunden, sich diskret zu verbergen. Längst laufen auch Milliardäre und Geldmagnaten in Jeans und T-Shirt herum. Denken Sie nur mal an Marc Zuckerberg von Facebook. Es ist heutzutage nicht mehr „en vogue“ seinen Reichtum nach außen zu tragen: Besitz tritt diskret auf!


II

Doch Vorsicht, liebe Gemeinde! Nicht Reichtum und unser Neid auf ihn ist unser heutiges Thema!

Die Frage, die uns jetzt beschäftigen muss lautet: Woher kommt eigentlich dieser schreckliche Drang, alles haben und alles behalten zu müssen? Was ist der Grund, warum wir Menschen alles, was wir haben, unbedingt festhalten wollen? Habgier und Geiz sind ja nur Geschwister! Das Eine ist immer nur die Rückseite auf derselben Medaille.

Das moderne Gesicht der Habgier ist die Kaufsucht. Wer kennt es nicht, dieses zwanghafte Gefühl, an einem einen grauen Novembertag etwas Gutes für sich tun zu „müssen“? Dann zieht es uns in die Glitzerwelt der Einkaufs-Center, so wie es die Elster zum Silberbesteck zieht! Wir laufen los. Wir werden immer aufgeregter angesichts der überbordenden Möglichkeiten. Und sterben schließlich fast an der Qual der Wahl, für was wir uns entscheiden sollen. Endlich halten wir unser Glück in den Händen. Wir „haben“ es! Doch schon auf dem Heimweg kippt die Stimmung: Hinter der Frage, ob wir uns wohl richtig entschieden haben, lauert die einfache Feststellung, dass wir mal wieder unserer Droge aufgesessen sind! Wir wollten uns unser Glück „kaufen“. Zum Un-Glück spielt unser Gehirn da immer mit: Es schüttet dann nämlich Glückshormone aus! Aber dennoch kommt ja zuverlässig der „Kater“ und wir landen wieder in unserer vertrauten nüchternen Realität. „Außer Spesen nicht´s gewesen“ - sagt der Volksmund.

Nach so etwas kann ein Mensch süchtig werden! Die Sehnsucht nach Glück macht süchtig und sie hat schon viele kaufsüchtige Menschen krank gemacht. Genauso krank, wie die Gier nach Geld, nach Sex oder nach Statussymbolen: Immer geht es nur um den Kick im Gehirn: Um die Gier nach Glück und nach Licht. Und immer ist es ein Irrweg, der in die Irre führt!


III

Die Rückseite auf der Medaille der Habgier ist - wie schon gesagt - der Geiz, also der Drang alles bei sich zu behalten.

Wenn wir jetzt nicht gerade an streitende Kinder auf einem Spielplatz denken, dann haben wir heute wahrscheinlich Schwierigkeiten, einen echten Geizhals zu präsentieren. Es ist ja auch gar nicht so einfach, einen bewusst sparsamen Menschen von einem Geizkragen zu unterscheiden! Der sparsame Mensch muss ja vielleicht sogar wirklich sparen! Nicht jeder genügsame und zurückhaltende Mensch verdient unser hartes Urteil. Altersarmut ist weit verbreitet!

Geiz spielt sich heutzutage auch eher hinter verschlossenen Türen ab! Manchmal merkt man erst nach dem Tod, dass ein Mensch krankhaft geizig war, weil er oder sie alles festhalten wollte. Dann öffnet man eine Tür und steht in einem Flur, der nur noch einen kleinen Gang für das Gehen frei lässt. Rechts und links türmen sich Kartons und Zeitungsstapel. Auf der Suche nach einem Wohnzimmer findet man meistens nur noch einen Tisch und ein Sofa - umgeben von weiteren „Schätzen“ und „Guthaben“, die dort aufgetürmt sind. Ein Bett findet sich oft nur noch in einer Einbuchtung: Zwischen all den aufgehäuften „Wertgegenständen“, die dieser arme Mensch nicht mehr loslassen konnte.

Die „Messi-Krankheit“, liebe Gemeinde, ist die krankhafte Form des Geizes. Sie ist der sichtbare Beweis dafür, dass ein Mensch alles für sich behalten musste und nicht mehr loslassen konnte. Er musste sich an seinen Dingen festhalten, wie an einem Anker für sein haltloses Leben. So verbirgt sich hinter dem Geiz also die Angst, das Leben und den eigenen Lebenswert irgendwie festhalten zu müssen. Oder aber alles zu verlieren.

Dies wird immer in die Abgrenzung, in die Isolation und in der Einsamkeit führen. Als die aggressivste Form, in der ein Mensch sich nur noch um sich selber drehen kann, ist dies wirklich eine „Krankheit zum Tode“!


IV

Habsucht oder Geiz - Kaufsucht oder Sammelwut: Beide sind in Wahrheit Ausdruck einer tiefen Verunsicherung und Verlorenheit im Menschen, liebe Gemeinde: Kein Mensch sucht sich so ein Schicksal aus! Wir werden zu kaufsüchtigen oder sammelwütigen Menschen gemacht! Manchmal hat man sein Problem schon aus dem Vorbild der Eltern, die ebenfalls darunter gelitten haben: Kinder ahmen ja alles nach!

Oft genug stehen dahinter auch eigene traumatische Kindheitserfahrungen von Entwertung, von einem Mangel an Fürsorge, oder gar an Ablehnung. Von der „ Sünde Geiz“ oder der „Sünde Habsucht“ kann jedenfalls gar keine Rede sein! Eher schon von einer großen Not!

Gleichwohl bleibt es natürlich richtig, Menschen, die sich auf diese Irrwege begeben, zu warnen! Genau das tut der 1. Timotheus-Brief, wenn er fortfährt: „Denn die, die reich werden wollen, die fallen in Verstrickungen und in viele schädliche Begierden, die Menschen versinken lassen im Verderben und in der Verdammnis!“ Beide Wege führen nur in den sozialen und auch in den tatsächlichen Tod!


V

Jesus, liebe Gemeinde, wählt in der Bergpredigt einen anderen Weg. Auch das haben wir schon gehört. Er wirbt und er fordert zu einer Entscheidung auf, wenn er sagt: „Ihr könnt nicht Gott und dem Mammon dienen!“ Damit stellt er den Menschen vor die Alternative, vor die das 1. Gebot uns immer stellt! „Gott oder die Dinge“ - wer herrscht über euer Leben! Wollt ihr wirklich Sklaven des Geldes, des Luxus, der Warengüter, des Prestiges oder der Äußerlichkeiten sein? Oder wollt ihr frei von alledem sein, weil Gott in eurem Leben die Hauptrolle spielt! „ Denn wo dein Schatz ist, da ist ja auch dein Herz!“

Die Alternative vor die Jesus uns stellt, lautet also: „Freiheit oder die Versklavung an deine Sorgen?“ Denn nicht Geld, Macht, Ruhm oder Attraktivität an sich versklaven uns! Uns versklavt die Sorge um das Glück! Wir wollen uns unser Glück selbst sichern! Wir wollen unser Glück selbst herstellen! Wir wollen es uns „verdienen“.

So wollen wir unser Leben absichern! Wir drehen uns also nur noch um uns selbst, wenn wir uns um alles Sorgen machen!

Dagegen stellt Jesus die Sorglosigkeit und das Gottvertrauen, wo wir so wie die Vögel am Himmel und so wie die Lilien auf dem Felde alles aus Gottes Hand empfangen. Dann sind wir frei. Frei von uns selbst; Frei von anderen Menschen; Frei für die Freigebigkeit; Und frei für ein Leben in der Liebe! Die Nachfolge Jesu bindet uns an Gott und macht uns gerade darin frei!

Der Psychoanalytiker Erich Fromm hat schon vor vielen Jahren dieselbe Alternative aufgestellt – wenn auch in anderen Worten: Der Mensch kann in der Haltung des „Habens“ leben oder aber in der Haltung des „Seins“. Er kann Sklave seiner Dinge werden - oder aber er kann frei sein, wenn er das, was ihn fesselt loslässt!

Geiz und Habsucht, liebe Gemeinde, sind keine Todsünden! Es sind Versuchungen des Menschen, die so stark werden können, dass sie sein Leben bedrohen! Und nur insofern darf man sie „Todsünden“ nennen!

Gott aber will unser Leben und unsere Freiheit! Folgen wir also dem Ratschlag Jesu: Folgen wir einfach Jesus nach!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen