Hochmut“ - 1. Themapredigt in der Reihe „7“

Ev. Christuskirche Grundschöttel – 06.10.2019 – Pfr.Thorsten Chr. Hansen


Gnade sei mit euch und Friede, von dem der da ist und der da war und der da kommt!


Liebe Gemeinde!

Seit der Antike haben Menschen in allen Religionen und Kulturen versucht zu erfassen, was die Grundprobleme sind, mit denen der Mensch sich sein Leben lang herumschlägt. Es war schon immer aufgefallen, dass die Probleme und die Konflikte, die wir miteinander haben letztlich dieselben Ursprünge haben. Im Buddhismus kam man auf 10 solcher „Wurzelkonflikte“. An anderen Orten kann man auf die Zahl 8. Im frühen Christentum einigte man sich schließlich auf die Zahl 7: Papst Gregor der Große war der Erste, der im 6. Jahrhundert von den „sieben Todsünden“ sprach: Von Geiz, Neid, Völlerei, Zorn, Trägheit, Wollust und Hochmut. Diesen setzte er selbst wie schon Augustinus an die 1. Stelle!

Auf der Karte, die Sie hoffentlich in ihrer Hand halten, hat der Maler Hieronymus Bosch dazu sieben kleine Szenen gemalt. Es sind Situationen, die seiner Meinung nach das jeweilige Problem ins Bild setzen.

In der Predigtreihe „7“ werden wir uns in den nächsten Monaten jeweils eines dieser Bilder und die dazugehörige „Sünde“ anschauen.

Aber schon beim Wort „Sünde“ zögere ich: Denn nur das angst- und sündenbelastete Hochmittelalter hat aus diesen sieben „Wurzelproblemen“ gleich sog. „Totsünden“ gemacht. Die wurden dann gleich mit Höllenstrafen verbunden.

Im Ursprung wusste man noch sehr gut, was wir heute dank psychologischer Erkenntnisse wieder neu bedenken lernen: Es handelt sich in Wahrheit um die sieben Grundversuchungen, denen ein Mensch erliegen kann. Jede Einzelne von ihnen kann ein Leben gefangen nehmen und krank machen. Wenn wir im „Vaterunser“ beten „und führe uns nicht in Versuchung“ dann bitten wir Gott, uns von derart schwerwiegenden Fehlentwicklungen zu bewahren. Denn wer ihnen einmal erlegen ist, der ist schon bestraft für sein Leben. Das gilt auch für unsere erste Versuchung: Für den Hochmut!


II.

Wussten Sie, liebe Gemeinde, dass Stolz durchaus angeboren ist?

Schon jedes Tier kennt das Gefühl des Stolzes und der Freude an einer eigenen Leistung. Stellen Sie sich zum Beispiel mal ein Schimpansenmännchen vor, dass seinen Gegner gerade eben erfolgreich vertrieben hat: Es stellt sich aufrecht hin; Es reckt den Kopf weit vor. Es streckt das Kinn in die Höhe; Der Brustkorb schwillt an. Und manchmal können wir beobachten, dass der Sieger sich dann auch noch kreischend auf die Brust schlägt!

Es wird jetzt niemandem hier im Raum schwerfallen, dieses Gehabe auf den Menschen zu übertragen.

Denken sie doch nur mal an die Erfolge im Fußballstadion, wenn Piere-Emerik Aubaumajeng, Toni Kroos oder ein anderer Fußballspieler ein Tor für ihren Verein geschossen hat Die Mitspieler jubeln alle mit!

Oder denken Sie nur daran, wie Ihr Sohn oder Ihre Enkeltochter einmal ein Klaviervorspiel hatte, ein Referat gehalten hat oder eine Traumnote erzielt hat: Dann sehen Sie dieselbe begeisterte Körperhaltung bei ihrem Kind und auch Sie freuen sich hoffentlich mit! Es ist also ganz natürlich „stolz“ auf eine Leistung zu sein. Wer sich etwas verdient hat, der darf sich redlich freuen! Und wer zum sozialen Umfeld des Erfolgreichen gehört, der sollte so eine Leistung auch unbedingt belohnen. Denn das baut die ganze Gemeinschaft auf. Es lässt alle für auf eine gute Zukunft hoffen! In alledem unterscheiden wir uns also herzlich wenig von unseren tierischen Verwandten: Stolz ist gut - Stolz tut gut!



III.

Hier an der Leinwand und auch auf der Bildkarte, die Sie hoffentlich bekommen haben, hat Hieronymus Bosch dagegen den „Hochmut“ ins Bild gesetzt. Er will uns zeigen, dass Hochmut etwas anderes ist, als der berechtigte Stolz.

Wir sehen eine Frau mit einer überdimensional großen Haube, wie sie vor vielen hundert Jahren „hohe Frauen“ getragen haben. Die Bürgersfrau ist von uns abgewandt. Das ist kein Zufall. Nur scheinbar schaut sie auf einen Hausaltar, der früher in so einem Schränkchen untergebracht war. Aber der Hausaltar klappt gerade seine Türen zu. Er verschließt sich. Stattdessen schaut die Frau in einen Spiegel, den ihr eine unheimliche, kleine Gestalt vor das Gesicht hält. Vermutlich hat Bosch hier eines seiner berühmten Teufelsskelette gemalt.

Diese wohlhabende Bürgersfrau ist also sowohl von uns als auch von der Besinnung auf Gott abgewandt. Stattdessen bewundert sie lieber ihr eigenes Spiegelbild, dass ihr ein Teufel von die Nase hält. Diese Frau - so scheint Bosch uns zusagen - liebt Gott nicht über alles! Und ihren Nächsten schon erst recht nicht! Sie liebt vor allem sich selbst! Das ist die Schieflage in ihrem Leben. Darin sieht Hieronymus Bosch also das Wesen des Hochmuts: Ere verführt uns zur „Selbstbezogenheit“.

IV.

Wir heutigen Menschen, liebe Gemeinde, können diesen Spiegel noch mit ganz anderen, uns geläufigeren Worten füllen. Wir können die Bandbreite des Wortes Hochmut sehr erweitern!

Schon bei einem Spiegel fällt mir natürlich sofort der mythologische „ Narziss“ ein, der sein ganzes Leben in glückseliger Selbstgefälligkeit verbringt. Darum ist er aber auch ein totaler Ausfall für seine soziale Umwelt.

Das Wort „Arroganz“ heißt wörtlich übersetzt frag-los: Wer arrogant ist, der stellt keine Fragen mehr, denn er (oder sie) weiß ja alles besser!

Das Wort „Selbstgerechtigkeit“ spricht ebenfalls von einer Selbstbespiegelung: Der Selbstgerechte weiß von vornherein immer schon, dass seine Vorstellungen, seine Ideen und seine Ideale das Richtige wollen. Die Ideen oder die Einwände anderer Menschen interessieren ihn nicht. Er hört nur zum Schein zu. Am Ende einer Diskussion wird er (oder sie) immer seinen eigenen Willen mit Macht durchgesetzt haben, einfach deshalb, weil einer wie er (sie) doch weiß, was Recht ist und wo es lang geht!

Narzissmus, Arroganz, Selbstgerechtigkeit und Überheblichkeit: Diese Schwächen haben ihren Grund in einer Haltung, in der ein Mensch so hoch von sich denkt, dass er Gott und seine Mitmenschen ausblendet.

Er ist Gefangener seines Spiegels, seiner hochfahrenden Art und des seines Bildes von sich selbst.

Stolz dagegen, liebe Gemeinde, ist ein angeborenes und ein berechtigtes Gefühl, dass jedem Geschöpf erlaubt ist. Wir wissen aus der Forschung, dass Stolz sogar etwas mit Glückshormonen zu tun hat, die in unserem Gehirn einen Schalter auf Lob und Belohnung umstellen. Beim Hochmut, so könnte man weiterspinnen, bleibt dieser Schalter leider eingeklemmt. So ein Mensch bleibt auf Dauer wie „besoffen“ von sich selbst. Er wird süchtig nach solchen Glücksgefühlen und solchen Glückshormonen: Er kann einfach nicht mehr von sich lassen: Und so ist der Hochmut im Gegensatz zum Stolz eine Krankheit.


V.

„Hochmut kommt vor dem Fall“ heißt es im Buch der Sprüche (Spr 16,18). Leider kann ich diese Weisheit nicht an meinen Erfahrungen festmachen. Ich kenne zu viele Menschen, die mit ihrer machtbewussten, narzisstischen Selbstgerechtigkeit sehr wohl an ihre Ziele kommen: Entweder mit ihren Intrigen oder mit ihrer Penetranz und ihrem kraftvollen Durchsetzungsvermögen.

Was ich als Nachfolger Jesus aber gelernt habe ist, dass der Hochmut eines der Hauptthemen in den Reden Jesu ist:

Konsequent bekämpfte Jesus die Besserwisserei und den Hochmut der Pharisäer und der Schriftgelehrten, die ihre Mitwelt mit kleinlichen Gesetzen und Ordnungen traktierten und einschüchterten. Von der Liebe wussten sie in ihrer hohen Meinung von sich selber leider nichts mehr.

Die ganze Bergpredigt hindurch stellt Jesus das Ideal der Demut, der Vergebungsbereitschaft und der Versöhnung gegen diese Selbstgerechtigkeit: Wer aus der Liebe lebt, der bringt gute Früchte hervor - so wie ein guter Baum (Mt 7,17).

Auf die Bitte der beiden Söhne des Zebedäus im Reich Gottes womöglich neben Jesus sitzen zu dürfen reagiert Jesus schroff: Hier, wie an anderen Stellen, sagt er: „ Wer unter euch groß sein will, der soll euer Diener sein!“ (Mt 23,11 ). Ja, er zieht in einem seiner Gleichnisse sogar den schuldbewussten Zöllner jenem Pharisäer vor, der sich mitten in der Synagoge in die 1. Reihe stellt und sich hochmütig gegenüber diesem Zöllner auf die Brust schlägt (Lk18,9-14 ).

Immer wieder stellt Jesus gegen solchen Hochmut die Demut! Im Mittelalter nannte man sie noch „Diene-Mut“: „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst; Der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; Wer sich aber selbst erniedrigt, der wird erhöht werden!“ (Mt 23,12).

Wir wissen von Golgatha und vom Ostermorgen her, wie konkret Jesus diesen Ratschlag selbst gelebt und auch eingelöst hat!

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Hochmut, liebe Gemeinde, hat also nichts mit berechtigtem Stolz auf einen schönen Erfolg zu tun! Mit Hochmut zieht ein Mensch eine unsichtbare Mauer um sich und um sein Herz, die ihn vor seinen Mitmenschen aber auch von Gott trennt. Hochmut macht in Wahrheit einsam und krank! Manchmal ist sie selbst Ausdruck von Einsamkeit und Krankheit

Darum sind auch die Hochmütigen gemeint, wenn Jesus gesagt: „ Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht sondern die Kranken. Ich bin gekommen, die Sünder zur Buße zu rufen und nicht die Gerechten“

(Lk 5,31-32 ).

Manche Menschen sind krank ohne es selbst zu wissen! Und auch diesen Gedanken hat Hieronymus Bosch für uns in seiner Szene angeregt, wenn er darin ja auch uns selbst den Spiegel vorhält und uns so die Frage vorlegt, ob Hochmut nicht auch uns manchmal blind gemacht hat. Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.